Die Gräfin, die unter Tage ging
Tisa von der Schulenburg wurde als Komtesse geboren, floh vor den Nazis, ging ins Kloster — und zeichnete ein halbes Jahrhundert lang Bergleute. Johannes Rau nannte sie die heilige Barbara des Reviers. In Dorsten kann man ihr Werk bis heute ansehen.

Es gibt Lebensläufe, die klingen erfunden. Eine preußische Generalstochter, 1903 geboren, aufgewachsen zwischen London, Berlin und einem mecklenburgischen Schloss, entdeckt von Max Liebermann — und sechzig Jahre später steht dieselbe Frau als Ordensschwester bei einer Mahnwache vor der Zeche Fürst Leopold in Dorsten. Dazwischen liegen zwei Ehen, zwei Fluchten, ein hingerichteter Bruder und Tausende Zeichnungen von Männern unter Tage.
Behütet, bis nichts mehr behütet war
Elisabeth von der Schulenburg — genannt Tisa — kam 1903 als Tochter eines preußischen Generals zur Welt. Kindheit in London, wo der Vater Militärattaché war, dann Berlin, Potsdam, Münster. Ab 1917 besuchte sie Heiligengrabe, eine Traditionsschule für adlige Töchter, und erlebte dort den Zusammenbruch des Kaiserreichs. Die Familie verlor Vermögen und Stellung; über den Übergang in die bürgerliche Welt, so schildert es die Stiftung, kam das Haus nie hinweg.
Ihr Talent fiel früh auf: 1919 entdeckte Max Liebermann die Scherenschnitte, die sie für ihren jüngsten Bruder machte. 1926 begann sie an der Berliner Kunstakademie zu studieren — gegen die Traditionen der Familie.
Berlin, Flucht, Durham
In Berlin verkehrte sie im Haus des jüdischen Bankiers Hugo Simon, wo sich traf, was die zwanziger Jahre ausmachte: Brecht, Heinrich Mann, Kokoschka, George Grosz, die Verleger Fischer und Rowohlt. Dort lernte sie auch den jüdischen Unternehmer Fritz Hess kennen, den sie 1928 heiratete.
Der Reichstagsbrand wurde zum Auslöser ihrer Flucht nach England. In London ermutigte Henry Moore sie zum Relief. Und 1936/37 geschah das, was den Rest ihres Lebens bestimmen sollte: Über eine Künstlergruppe kam sie zu den streikenden Bergleuten im Kohlerevier von Durham, gab Schnitzkurse, hielt Vorträge — und fuhr zum ersten Mal in ein Bergwerk ein. Sie habe dort eine Aufgabe gefunden, notierte sie später.
Zwischen allen Stühlen
Was folgt, liest sich wie ein Lehrstück über das 20. Jahrhundert. 1938 ließ sie sich von Hess scheiden. Als ihr Vater 1939 im Beisein Himmlers beerdigt wurde, verweigerten die britischen Behörden ihr die Rückkehr — man hielt sie für eine Nationalsozialistin. Sie heiratete einen Jugendfreund und verbrachte den Krieg auf einem mecklenburgischen Gut.
Ihr Bruder Fritz-Dietlof, der ihr von vier Brüdern am nächsten stand, ging in den Widerstand und wurde nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. 1945 floh sie vor der Roten Armee in den Westen, arbeitete als Journalistin, die zweite Ehe wurde geschieden. Als sie 1948 erneut nach England wollte, verweigerte man ihr wieder die Einreise — diesmal mit der Begründung, sie sei Kommunistin.
„Einmal zu nationalsozialistisch, einmal zu kommunistisch: Zweimal wurde Tisa von der Schulenburg die Einreise nach England verweigert — mit entgegengesetzter Begründung."
Schwester Paula
Im selben Jahr kam sie nach Dorsten. 1950 trat sie als Schwester Paula in das dortige Ursulinenkloster ein, nachdem sie zum katholischen Glauben konvertiert war. Man könnte annehmen, damit sei die Künstlerin verschwunden. Das Gegenteil geschah: Nach der Öffnung der Klöster im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils kehrte sie zu ihren Tuschezeichnungen zurück, und das Motiv blieb dasselbe wie in Durham — Männer vor Ort, Männer beim Gesteinbohren, die schwarze Tiefe.
Dazu kamen Arbeiten zu den Judenpogromen, zu Vietnam, Biafra, Äthiopien, Chile, zu Leprakranken. Ihre Blätter sind unbequem, und das war die Absicht.
Die heilige Barbara des Reviers
Dorsten machte sie 1972 zur Ehrenbürgerin — als erste Frau in der Geschichte der Stadt. 1984 wurden fünf ihrer Reliefs mit dem Titel „Bergleute" an einer neuen Schachtanlage enthüllt, 1994 überreichte ihr die damalige Bundesministerin Angela Merkel in der Lohnhalle der Zeche Fürst Leopold das Bundesverdienstkreuz; die Ehrung hatte sie Jahre zuvor noch abgelehnt. Sie nehme sie für „ihre" Bergleute entgegen, sagte sie, und fügte hinzu, sie habe von ihnen mehr gelernt als sie von ihr.
Als die Bergleute 1997 vor der Zeche Fürst Leopold eine Mahnwache gegen die drohende Schließung hielten, stellte sie sich dazu. Dort traf sie Ministerpräsident Johannes Rau, der sie als ständige Begleiterin der Bergleute „die heilige Barbara des Reviers" nannte. Tisa von der Schulenburg starb am 8. Februar 2001 in Dorsten, mit 97 Jahren.
Wo man sie heute sieht
Die nach ihr benannte Stiftung wurde 1992 gegründet und sitzt seit August 2021 dort, wo ihre Geschichte endete: am umgestalteten Standort Fürst Leopold in Dorsten-Hervest, Fürst-Leopold-Allee 65. Im Archivgebäude zeigt sie wechselnde Ausstellungen aus dem Werk.
- Geöffnet donnerstags, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr
- Derzeit läuft „Sieg über die Sonne" von Jody Korbach, der zehnten Trägerin des Tisa-Preises — noch bis zum 17. Januar 2027
Auch in unserem Eventkalender taucht die Ausstellung auf. Wer sich vorher einlesen will: Die Stiftung stellt Leben und Werk ausführlich auf tisa-stiftung.de dar.
Dieser Beitrag stützt sich auf die Darstellung der Tisa von der Schulenburg-Stiftung zu Leben und Werk der Künstlerin, nachgesehen am 29. September 2026. Die kurzen Zitate stammen aus dieser Quelle. Stand: 28. September 2026.


